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Interview mit Barbara Haas: „Rückschritt wird heute in Pastellfarben verkauft.“

Barbara Haas (c) Christoph Kleinsasser

Barbara Haas im Gespräch über Social-Media-Idylle, alte Machtverhältnisse und warum der Tradwife-Trend kein harmloser Lifestyle ist.

Frau Haas, was ist die zentrale These Ihres Buches „Bullshit mit Blümchenkleid“?

Der Tradwife-Trend ist kein harmloser Lifestyle, sondern ein politisch wirksames Narrativ. Er verkauft ein sehr altes Rollenbild – weibliche Häuslichkeit, Unterordnung und Abhängigkeit – als neue Freiheit. Diese Ästhetik trifft auf reale Erschöpfung und Sehnsucht, wird aber von rechten, religiösen und antifeministischen Akteuren gezielt genutzt. Genau das macht den Trend so gefährlich.

Manche könnten Ihnen vorwerfen, Sie würden Frauen diffamieren, die sich bewusst für Familie und Haushalt entscheiden. Kann man Ihr Buch so lesen?

Nein. Ich kritisiere keine individuellen Lebensentscheidungen, sondern ein System, das ein sehr enges Rollenbild als „natürlich“ oder überlegen darstellt und dabei Abhängigkeiten unsichtbar macht. Wahlfreiheit bedeutet nicht, dass jede Entscheidung automatisch frei ist – sie ist nur frei, wenn es echte Alternativen und Absicherung gibt. Genau darüber spreche ich.

Kritiker sagen auch: Ist das nicht einfach ein Feminismus, der anderen Frauen wieder vorschreiben will, wie sie zu leben haben?

Im Gegenteil. Feminismus will gerade verhindern, dass Frauen auf eine einzige Rolle reduziert werden. Mein Buch sagt nicht, wie Frauen leben sollen, sondern warnt davor, wenn sehr alte Rollenmodelle plötzlich wieder als modern verkauft werden. Das ist keine Vorschrift, sondern Medien- und Machtkritik.

Sie beginnen das Buch sehr persönlich und sprechen über Ihre Mutter. Warum war Ihnen diese Perspektive wichtig?

Meine Mutter war eine „Tradwife 1.0“, lange bevor es Social Media gab. Sie lebte in einem extrem traditionellen Rollenmodell, mit enormer Arbeitsbelastung und kaum Absicherung. Das Umfeld war ein idyllischer Bauernhof, vieles wurde „from scratch“ gemacht – ähnlich wie bei den Tradwives heute. Ihre Erfahrung zeigt aber sehr klar die Kluft zwischen Inszenierung und Realität. Was heute als ästhetischer Lebensentwurf verkauft wird, war für sie vor allem harte, unsichtbare Arbeit. Diese Perspektive erdet das Buch.

Wir fragen mal ganz provokant: Warum stören Sie sich an Bildern von glücklichen Müttern auf Social Media?

Ich störe mich nicht an glücklichen Müttern, sondern an der Illusion, dass Glück aus Abhängigkeit entsteht. Bilder sind nie neutral. Wenn sie millionenfach verbreitet werden und immer dasselbe Rollenbild zeigen, prägen sie Erwartungen – gerade bei jungen Frauen. Das zu analysieren ist keine Ideologie, sondern notwendig.

Der Tradwife-Trend ist also aus Ihrer Sicht keine harmlose Nostalgie sondern ein bewusstes politisches Projekt?

Er beginnt als Nostalgie, wird aber sehr schnell zu einem politischen Projekt. Viele Frauen suchen einfach nach Ruhe und Zugehörigkeit. Diese Sehnsucht wird gezielt gekapert – von rechten Parteien, religiösen Netzwerken und digitalen Akteuren, die genau wissen, wie anschlussfähig diese Bilder sind. Rückschritt wird dabei als Naturgesetz verkauft, hübsch verpackt in Leinen und Pastellfarben.

Überzeichnen Sie in Ihrer Darstellung, oder müssen wir uns wirklich überall vor rechten Netzwerken fürchten?

Ich spreche nicht von Gefühlen, sondern von belegbaren Verbindungen, Zitaten und Strategien. Rechte Akteure nutzen seit Jahrzehnten Familien- und Frauenbilder, um Politik zu machen. Neu ist nicht die Ideologie, sondern die Verpackung über Social Media. Das zu benennen ist keine Übertreibung, sondern Analyse.

Warum sollten auch Männer dieses Buch lesen? Manche sagen ja, das sei ein reines Frauenthema.

Weil genau das Teil des Problems ist. Der Tradwife-Trend ist kein Frauenthema, sondern ein Gesellschaftsthema. Er produziert auch ein Männerbild: den Versorger, den Entscheider, den emotional distanzierten Mann. Kurzfristig wirkt das bequem, langfristig ist es für alle ein Verlust – für Beziehungen, für Kinder, für Nähe. Solange Care-Arbeit weiblich bleibt und Männer sich aus der Verantwortung ziehen können, ändert sich strukturell nichts.

Was wünschen Sie sich, dass Leser*innen nach der Lektüre anders sehen oder hinterfragen?

Ich wünsche mir mehr Skepsis gegenüber schönen Bildern und einfachen Antworten. Und mehr Solidarität – vor allem unter Frauen. Dieses Buch soll nicht sagen, wie jemand leben soll, sondern warum wir aufmerksam werden müssen, wenn sehr alte Rollenmodelle plötzlich wieder als modern verkauft werden. Freiheit braucht Strukturen, nicht nur Ästhetik.

Wir danken für das Gespräch!

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