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Interview mit der bekannten Kabarettistin und Podcasterin Verena Titze zu ihrem neuen Buch

Neues Buch von Verena Titze "Gin Boom"

»Mich interessiert nicht der Rausch, sondern das System, das ihn notwendig macht.« Verena Titze im Gespräch zu ihrem Roman Gin Boom

In Gin Boom spielen Abhängigkeit und Kontrollverlust eine zentrale Rolle. Ist das Buch aus Ihrer eigenen Erfahrung mit Burnout und Alkoholabhängigkeit entstanden?

Meine Lebenserfahrung ist natürlich ein Resonanzraum, aus dem ich schreibe. Aber Gin Boom ist keine Nacherzählung meiner Geschichte. Mich interessiert nicht das individuelle Schicksal, sondern das, was dahinterliegt: Strukturen, Erwartungen, Machtverhältnisse. Burnout und Abhängigkeit sind keine privaten Ausrutscher, sondern Symptome eines Systems, das permanentes Funktionieren verlangt. Genau dort setzt der Roman an.

Sie betonen, dass Gin Boom kein autobiografischer Text ist. Warum ist Ihnen diese Abgrenzung wichtig?

Gin Boom ist Literatur, kein Bekenntnis. Die Figur Helena ist keine Maske für mich, sondern eine literarische Konstruktion. Sie bündelt Erfahrungen, Beobachtungen, Erzähltes und Verschwiegenes von mir aber auch von vielen anderen. Das Buch will nicht mein Leben erklären, sondern gesellschaftliche Zustände sichtbar machen.

Trotzdem spielen Alkohol und Drogen im Roman eine zentrale Rolle. Wie würden Sie deren Funktion im Text beschreiben?

Alkohol – und auch andere Suchtmittel – erscheinen im Roman als Mittel. Um zu funktionieren, um verfügbar zu bleiben, um Spannungen zu regulieren. Mich interessiert weniger der Rausch als das, was er ermöglicht oder verdeckt. In diesem Sinn ist Alkohol im Buch ein Symptom, kein Thema um seiner selbst willen.

Gin Boom erzählt viel über Macht, besonders über männliche Macht. Wie hängt das mit dem Thema Abhängigkeit zusammen?

Abhängigkeit entsteht selten im luftleeren Raum. Sie ist oft eng mit Machtverhältnissen verknüpft – beruflich, sexuell, emotional. Im Roman geht es um die feinen Verschiebungen, in denen Grenzen unklar werden und Verantwortung verschwindet. Darum, wie Anpassung eingefordert wird, ohne ausgesprochen zu werden. Abhängigkeit ist hier kein individuelles Versagen, sondern eine logische Folge struktureller Ungleichgewichte.

Ihr Roman verweigert klassische Erlösungs- oder Heilungserzählungen. Warum war Ihnen das wichtig?

Weil solche Narrative oft trösten, aber wenig erklären. Gin Boom ist kein Roman über das „Danach“, sondern über Zustände. Über Ambivalenzen, Wiederholungen, Rückfälle – auch emotionale. Das Leben verläuft nicht in klaren Bögen. Ich wollte einen Text schreiben, der diese Uneindeutigkeit aushält und nicht moralisch auflöst.

Sie sind auch als Kabarettistin und Podcasterin sehr präsent. Warum haben Sie sich entschieden, diese Themen in Form eines Romans zu verhandeln?

Kabarett und Podcast arbeiten mit Zuspitzung, mit Erklärung, oft auch mit Entlastung. Der Roman erlaubt mir etwas anderes: Ambivalenz. Widersprüche. Schweigen. In Gin Boom geht es nicht darum, etwas aufzulösen oder verständlich zu machen, sondern Zustände auszuhalten. Literatur kann Räume offenlassen, in denen Leser:innen selbst denken, fühlen, widersprechen müssen. Für diese Art von Fragen – nach Macht, Abhängigkeit und Selbstbestimmung – war die Romanform die ehrlichste.

Was wünschen Sie sich, dass Leser:innen aus Gin Boom mitnehmen – jenseits der Frage nach Sucht?

Vielleicht ein anderes Verständnis von Freiheit. Die Frage, wie selbstbestimmt Entscheidungen wirklich sind, wenn Zugehörigkeit, Anerkennung und Sicherheit an Anpassung geknüpft sind. Und die Erkenntnis, dass Stärke oft mit Verlust einhergeht. Gin Boom ist kein Buch über das Aufhören – sondern über das, was sichtbar wird, wenn man aufhört, sich zu betäuben.

Wir danken für das Gespräch!

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