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Mehr als Hollywood, Glamour und Mythos: eine andere Marilyn Monroe

Neues Buch über Marilyn Monroe

Hollywoodstar trifft Psychoanalyse: Im Interview spricht Herr Haarkötter über die ungewöhnliche Begegnung zwischen Marilyn Monroe und Anna Freud, die Grenzen zwischen historischer Recherche und literarischer Spekulation – und warum Monroe heute moderner wirkt denn je.

Herr Haarkötter, Ihr Buch bewegt sich zwischen historischer Recherche, Psychoanalyse und literarischer Imagination. Warum wollten Sie gerade diese Geschichte erzählen?

    Marilyn Monroe als Hollywoodschauspielerin und Anna Freud als Psychoanalytikerin sind zwei monumentale Figuren des 20. Jahrhunderts, die mich als Medien- und Kommunikationswissenschaftler schon immer stark angesprochen und interessiert haben. Dass ausgerechnet die beiden sich getroffen und eine Woche miteinander verbracht haben, ist ein Umstand, der meines Erachtens dringend einmal erforscht und erzählt werden sollte. Also habe ich das einfach gemacht.

    Viele Menschen wissen gar nicht, dass Marilyn Monroe tatsächlich Kontakt zu Anna Freud hatte. Wie sind Sie auf diese Episode gestoßen?  

    Ich habe mal in einem Radiobeitrag über Anna Freud in einem Nebensatz davon gehört, dass Marilyn Monroe die berühmteste Patientin der Analytikerin gewesen sein soll. Das machte mich neugierig, deswegen habe ich das recherchiert.

    Sie schreiben an mehreren Stellen offen, dass manche Dialoge und Szenen hypothetisch sind. Wo endet in diesem Buch die historische Wahrheit und wo beginnt die literarische Spekulation?

    In der Psychoanalyse gibt es grundsätzlich keine Aufzeichnungen der Therapiegespräche. Andererseits ist die Psychoanalyse ein gut dokumentiertes Verfahren, sodass man sehr gut wissen kann, wie solche Gespräche laufen und um welche Themen sie kreisen – zumal die psychischen Leiden Marilyn Monroes durchaus bekannt sind. Viele der Äußerungen, die Marilyn Monroe in meinem Buch macht, hat sie tatsächlich so getan. Außerdem gibt es von beiden Frauen Tagebuchaufzeichnungen und andere Selbstzeugnisse, die besondere Beziehung der beiden Frauen zueinander stark nahelegen. Aber die, womöglich auch körperliche, Liebesbeziehung bleibt eine Hypothese, allerdings eine, wie ich finde, sehr plausible. Wer auf Basis der Dokumente andere Schlüsse ziehen will, darf dies natürlich gerne.

    Das Buch arbeitet stark mit psychoanalytischen Deutungen. Haben Sie nie die Sorge gehabt, Marilyn Monroe im Nachhinein „fernzudiagnostizieren“?

    Auch die psychoanalytischen Deutungen des Monroe’schen Seelenlebens sind recht gut dokumentiert. Zum Beispiel wurden Tonbandaufzeichnungen gefunden, die die Monroe für ihren Therapeuten in Hollywood aufgenommen hat. Auch haben sich im nachhinein, selbst in jüngster Zeit, Fachwissenschaftler:innen intensiv mit der möglichen Diagnose der psychischen Störungern dieser Schauspielerin beschäftigt.

    Sie schildern Marilyn Monroe nicht nur als Hollywood-Ikone, sondern als schwer verletzlichen, teilweise zerstörten Menschen. Hat sich Ihr Blick auf sie während der Recherche verändert?

    Ja, mein Blick hat sich absolut verändert. Als verletzliche Person, aber auch als sehr kämpferischer Mensch, der die Auseinandersetzung mit dem übermächtigen Studiosystem in Hollywood wagt, weicht ihr Bild sehr stark von dem ab, was sie in ihren Filmen verkörpert hat.

    Auch Anna Freud erscheint in Ihrem Buch überraschend ambivalent: streng, kontrolliert, aber gleichzeitig emotional tief involviert. War es Ihnen wichtig, auch die Psychoanalyse selbst kritisch zu betrachten?

    In der Tat muss man die Psychoanalyse, aber auch im speziellen die therapeutische Behandlung der Monroe sehr kritisch sehen. Anna Freud selbst war ja auch selbst eine tiefgespaltene Persönlichkeit mit ganz eigenen Neurosen. Eigentlich war sie ein „wounded healer“, eine verwundete Heilerin, die womöglich ihre eigenen Störungen auf ihre Patientinnen projiziert hat. Ihre verleugnete Sexualität trug sicherlich mit dazu bei, ihr Verhältnis zur Umwelt zu beeinträchtigen.

    Wenn man Ihr Buch liest, wirkt Marilyn Monroe plötzlich erstaunlich modern: öffentlicher Druck, permanente Beobachtung, Selbstinszenierung, psychische Überforderung. War Marilyn ihrer Zeit vielleicht voraus – fast wie ein Social-Media-Star lange vor Instagram?

    Mit Sicherheit ist Marilyn Monroe die Vorläuferin heutiger Influencerinnen. Sie war die erste Hollywood-Schauspielerin, die eine solche Manie beim Publikum ausgelöst hat: Immerhin konnte ihr bloßes Erscheinen den Betrieb eines Flughafens erheblich stören. Ihr eigener Umgang mit ihrem Körper kann heute als Beispiel für body positivity genommen werden. Der permanente Druck der Öffentlichkeit war aber andererseits ihrem Seelenhaushalt bestimmt nicht förderlich.

    Wir danken für das Gespräch!

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