Angelika Hager erzählt im Interview, was sie zur »Schwerstarbeit Krimischreiben« bewogen hat, dass ihr Sardellenringerln lieber sind als Schokolade und warum sie gerne zärtliche Blicke auf die Schwächen der Menschen wirft…
Vor 30 Jahren haben Sie mit Polly Adler eine Kultfigur geschaffen. Nun erobert sie auch das Krimi-Genre. Warum dieser Schritt?
Ich war übermütig und dachte, warum die Polly, die jetzt schon so viele Jahre als mein alter ego herhalten muss, nicht einmal auf Schnüffeltour schicken? Die wunderbare Krimi-Autorin Martina Parker hatte mir bei einer Lesung einen Schubs in diese Richtung gegeben. Ehrlich gesagt habe ich das Genre total unterschätzt, denn das Krimischreiben ist Schwerstarbeit. Aber vor vielen Jahren habe ich ja für den ORF eine Polly-Adler-Serie geschrieben und damals schon eine Reihe Figuren zum Leben erweckt, die mir richtig abgegangen sind. Einige dieser Typen wie Pollys Ex-Lover Gerry, ihr Chefredakteur Anatol Grünberg und ihr Lieblingsfeind und Rivale Granier purzeln auch wieder durch diese Geschichte. Ich wollte auch die Gratwanderung schaffen, Spannung zu kreieren, aber gleichzeitig einen satirischen Blick auf unsere Gesellschaft zu werfen. Also ja, es gibt eine Leiche und Anarchisten, die den Opernball stürmen, aber auch (hoffentlich) viel zum Schmunzeln. Endlos dankbar bin ich meiner Lektorin Regine Weisbrod, die auch Kaliber wie Sebastian Fitzek betreut hat, und mir keine Schlampereien durchgehen ließ.
Sie lassen Ihre Polly Adler rasant durch die Niederungen der High Society treiben. Wie viel Wahres haben Sie verpackt und – Hand aufs Herz – viel Spaß hat Ihnen das gemacht?
Durch meine vielen Jahre an der journalistischen Front kenne ich diese Gesellschaft, deren Treibstoff die Eitelkeit und die Selbstinszenierung sind, ganz gut. Natürlich hat das wahre Leben mir eine Fülle von Inspiration auf dem Silbertablett serviert, aber es macht dann noch zusätzlich Spaß, die Klischees durch die Luft zu wirbeln und ein wenig hochzujazzen. Filmregisseure wie Helmut Dietl und Billy Wilder habe ich immer für ihre zärtlichen Blicke auf die Schwächen der Menschen bewundert. Serien wie Dietls „Kir Royal” oder Wilders „Manche mögen’s heiß” waren sicherlich etwas, was mir beim Schreiben im Kopf geschwebt ist.
Der Fundort der Leiche ist originell! Haben Sie ein Naheverhältnis zum Süßen? Haben Sie in besonderer Weise dafür recherchiert?
Der Fundort der Leiche sollte ungewöhnlich, am besten noch nie dagewesen und ein wenig exzentrisch sein. Ich habe keine sonderliche Schokolade-Liebe, jede Dose Sardellenringerln ist mir lieber.

Als Sie Polly Adler erfanden, war sie ein ganz neuer Ton in der österreichischen Kolumnenkultur. Welche gesellschaftlichen oder persönlichen Impulse führten damals zur Geburt dieser Kunstfigur?
Der Kolumnenton, den ich mit Polly Adler, deren Namen ich übrigens von einer New Yorker Bordellbetreiberin in den 1920-er Jahren geklaut habe, entwickelt habe, war sicherlich sehr von US-Autorinnen wie Cynthia Heimel oder der Britin Helen Fielding inspiriert. Ich wollte mir eine Figur erschaffen, die frech, laut, hedonistisch und auch voller Schwächen ist. Pollys für mich liebenswerteste Eigenschaft ist die Selbstironie. Sie nimmt sich nicht zu ernst und kann noch in jeder Katastrophensituation ein Scherzchen absondern. Das versuche ich auch in meinem Alltag, gelingt nicht immer, aber oft.
Wie hat sich Polly Adler in den letzten drei Jahrzehnten verändert und welche Aspekte sind überraschend konstant geblieben?
Klar hat sich Polly verändert, der Fortpflanz ist außer Haus, das Älterwerden streckt ihr manchmal die Zunge heraus und Freundschaften sind wichtiger geworden als die Amourhatscher mit diversen Herren. Aber das Tollste ist, wenn man mit den „Freizeit”-Kolumnen mehrere Generationen bedienen kann. Manchmal erzählen mir Töchter, dass sie mit ihren Müttern gemeinsam die Kolumnen lesen und die eine sagt zur anderen: „Siehst du, bei der Polly geht es genau so zu wie bei uns.” Und in unsere Polly-Shows in den Rabenhof kommen manchmal sogar die Omas auch mit, also insgesamt drei Generationen. Das macht mich wirklich glücklich.
Haben Sie Blut geleckt? Wird es weitere Krimis rundum Polly Adler geben?
Es ist wahrscheinlich wie nach einer Geburt. Man sagt sich: „Bitte nie wieder, weil pfuuh, das war so anstrengend !”, aber irgendwann denke ich mir vielleicht wieder: „Es war eigentlich wunderschön und hat so viel Spaß gemacht.” Außerdem möchte ich meine Figuren wieder durch neue Geschichten purzeln und toben lassen.
Wie werden Sie das Buch präsentieren?
Zuerst einmal in der Buchhandlung Thalia auf der Wiener Landstraßer Hauptstraße am 30. September. Und dann gibt es eine Glamour-Glitzer— Veranstaltung im Wiener Rabenhoftheater: Burgschauspielerin Stefanie Reinsperger und Sebastian Wendelin, ein kongeniales Duo, performen das Buch im Rahmen eines Literatursalons, ein Überraschungsgast wird aus einer Torte singend springen. Eine normale Lesung wird das mit Sicherheit nicht. Karten für dieses Event gibt es auf der Homepage des Wiener Rabenhoftheaters. Darauf freue ich mich besonders!
Wir danken für das Gespräch!
