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Vom Nebeneinander zum Miteinander

Michael Heinisch (c) Privat

Michael Heinisch plädiert in seinem neuen Buch für ein Gesundheitswesen, das sich am Leben der Menschen orientiert statt an Zuständigkeiten. Ein Gespräch über Systemgrenzen, die niemand allein überwinden kann, und Kooperation als Grundprinzip.

Herr Heinisch, Sie haben ein Buch über Kooperation geschrieben. Was hat Sie dazu bewogen?

Zwei Dinge. Als Bürger beobachte ich mit Sorge, wie das Miteinander in unserer Gesellschaft unter Druck gerät. Überall wird polarisiert, Kompromisse gelten als Schwäche. Ich bin überzeugt: Ohne Bereitschaft zur Kooperation verspielen wir unsere Zukunft.

Warum werden aus guten Einzelleistungen im Gesundheitssystem so oft keine durchgängigen Behandlungspfade für Patient*innen?

Unser System ist stark in einzelne Bereiche gegliedert: Spitäler, niedergelassene Ärztinnen, Rehabilitation, Pflege. Für sich genommen funktionieren diese Bereiche gut. Aber sie greifen oft nicht ineinander. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das: viele Wege, viele Ansprechpartner*innen und oft kein klarer roter Faden. In internationalen Vergleichen schneidet Österreich bei der Qualität einzelner Leistungen sehr gut ab, bei der Koordination zwischen den Sektoren aber schwach. Und die Koordination bleibt dabei zu oft an den Patient*innen selbst hängen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein Beispiel sind Patient*innen, die nach einer stationären Akutbehandlung eigentlich Kurzzeit- oder Übergangspflege benötigen würden.

In der Praxis bleiben viele dennoch länger im Krankenhaus, als es medizinisch notwendig wäre. Der Grund liegt in den bestehenden Finanzierungslogiken: Für die Betroffenen ist der Selbstbehalt im Spital deutlich niedriger als die Eigenleistung in einer Pflegeeinrichtung.

Was für die einzelne Person ökonomisch nachvollziehbar ist, führt auf Systemebene zu einem unerwünschten Effekt: Ressourcen werden dort gebunden, wo sie nicht mehr zwingend benötigt werden, während sie an anderer Stelle fehlen.

Was bedeutet Kooperation konkret für Patient*innen?

Kooperation heißt, dass alle Beteiligten zusammenspielen: Ärzt*innen, Pflege, Therapeut*innen, unterschiedliche Einrichtungen und Sektoren. Wenn das gelingt, wird Versorgung einfacher: weniger Wege, weniger Wiederholungen, mehr Orientierung. Im Idealfall kommen Patient*innen zur richtigen Zeit an den richtigen Ort, ohne sich selbst durch das System navigieren zu müssen.

Welche Rolle spielen Patient*innen selbst dabei?

Eine sehr wichtige. Die Gesundheitswissenschafterin Maren Batalden beschreibt das treffend: Gesundheitsleistungen werden nicht einfach erbracht und konsumiert, sie entstehen immer im Zusammenspiel von Patient*innen und Gesundheitsberufen. Patient*innen sind nicht nur Empfänger*innen. Sie sind Teil der Lösung. Wenn sie gut informiert und eingebunden sind, gelingt die Behandlung besser und ist nachhaltiger.

Allerdings zeigen Zahlen, dass über die Hälfte der Bevölkerung es schwierig findet, sich im Gesundheitswesen zurechtzufinden oder zu beurteilen, welche Einrichtung die richtige für sie ist. Deshalb brauchen wir beides: ein System, das die Menschen besser begleitet, und eine Stärkung der Gesundheitskompetenz von klein auf.

Was tut die Vinzenz Gruppe bereits in diesem Bereich?

Wir setzen seit 2015 auf unsere Gesundheitsparks. Das sind regionale Netzwerke rund um unsere Krankenhausstandorte, in denen niedergelassene Ärzt*innen, Therapeut*innen, Pflegekräfte, Apotheken und viele weitere Partner*innen auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Inzwischen gibt es sieben solcher Parks in Oberösterreich und Wien mit rund 350 Partner*innen. Wichtig ist: Keine Partner*in steht über den anderen. Die Zusammenarbeit wird professionell koordiniert, damit Patient*innen nicht selbst die Schnittstellen überbrücken müssen.

Und mit unserem Patient*innenportal „Hallo Gesundheit” schaffen wir einen digitalen Zugang, über den Patient*innen Termine vereinbaren, Befunde einsehen und Videokonsultationen nutzen können. Die Gesundheitsversorgung kommt damit stärker zu den Menschen, statt dass sie zu ihr kommen müssen.

Das klingt nach großen Veränderungen. Warum wird das gerade jetzt so wichtig?

Weil die Anforderungen steigen. Menschen werden älter, viele haben mehrere Erkrankungen gleichzeitig. Eine aktuelle Analyse zeigt: In Österreich leben rund 3,5 Millionen Menschen mit einzigartigen Kombinationen von Diagnosen, eine Million davon mit mehr als sieben gleichzeitigen Erkrankungen. Das kann keine Einzelner allein bewältigen, weder eine Berufsgruppe noch eine Einrichtung. Deshalb müssen wir Kompetenzen bündeln und besser zusammenarbeiten. Und neue Technologien wie KI unterstützen uns dabei, diese Komplexität zu bewältigen.

Was ist die zentrale Botschaft Ihres Buches?

Dass die Zukunft des Gesundheitswesens nicht von einzelnen Einrichtungen oder Maßnahmen abhängt, sondern davon, wie gut es uns gelingt, Zusammenarbeit über Grenzen hinweg zu gestalten. Das Problem unseres Systems ist nicht mangelnde Leistung, sondern mangelnde Verbindung.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ein Gesundheitssystem, das sich stärker am Leben der Menschen orientiert und nicht an seinen eigenen Strukturen. Wo Übergänge funktionieren und niemand zwischen Zuständigkeiten verloren geht. Wo Patientinnen nicht nur versorgt, sondern begleitet werden. Und wo Kooperation kein Ausnahmefall ist, sondern das Grundprinzip.

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