Birgit Kofler-Bettschart und Roland Bettschart im Gespräch über ihr neues Buch „Von Miramare nach Mexiko“ – über überraschende Erkenntnisse jenseits der Habsburg-Klischees, die Spuren von Charlotte und Maximilian im heutigen Triest und verblüffende Parallelen zu den Royals von heute.
Sie leben in Triest unmittelbar neben dem Schlosspark Miramare. Wie sehr hat dieser besondere Wohnort den Anstoß gegeben, sich intensiver mit Charlotte und Maximilian zu beschäftigen?
Birgit Kofler: Natürlich brachte und bringt uns die räumliche Nähe zum Schloss immer wieder in Kontakt mit dem Thema Maximilian und Charlotte. Und irgendwann wollten wir es dann genauer wissen und uns nicht mehr mit den üblichen touristischen, zumeist recht kitschigen und sentimentalen Darstellungen begnügen. Wir wollten verstehen, welche persönlichen, familiären und auch weltpolitischen Motive die beiden von diesem herrlichen Ort hier weg und in das mexikanische Abenteuer getrieben haben – und letztlich in seine Erschießung und ihren psychischen Zusammenbruch. Und tatsächlich: In vielen Punkten ergab unsere Recherche ein anderes, von den gängigen Klischees abweichendes und vielfach widersprüchliches Bild dieser royalen Promis des 19. Jahrhunderts.
Roland Bettschart, Sie haben schon als Kind eine sehr spezielle Bekanntschaft mit der Geschichte gemacht: In den 1960er-Jahren wurden Sie von den dramatischen abendlichen „Luci e suoni“-Inszenierungen des österreichischen „Opernführers“ Marcel Prawy im Schlosspark regelmäßig aus dem Schlaf gerissen. Ist da rückblickend schon der Keim für dieses Buch gelegt worden?
Roland Bettschart: Wenn so eine dramatisierte, von Musik und lauten Schauspieler-Dialogen getragene Version der Lebensgeschichte von Charlotte und Maximilian ein Kind jeden Abend aufweckt, weil eine durchdrehende Charlotte unter lautem Geschrei wahnsinnig wird, dann wundert man sich natürlich, was da los ist. Je mehr Zeit ich später wieder in Triest verbrachte, desto mehr hat die Neugier zugenommen, und damit der Wunsch, zu verstehen, was mit dieser armen Frau eigentlich passiert ist. Hier ist natürlich nicht die Rede von einer „therapeutischen“ Bewältigung frühkindlicher Erlebnisse, weil so schlimm war es ja dann auch wieder nicht. Sondern von einem besseren Verständnis, von einer Einordnung dieses wichtigen Aspekts der Triestiner Geschichte.
Sie haben für das Buch Briefe, Tagebücher und historische Medienberichte ausgewertet, Zeitzeugenberichte herangezogen und in Archiven in Wien und Triest recherchiert. Gab es dabei Entdeckungen, die Ihren bisherigen Blick auf Charlotte und Maximilian besonders verändert haben?
Birgit Kofler: Die gibt es in vielfacher Hinsicht. Ein Beispiel ist die Auswertung der nicht-österreichischen zeitgenössischen Quellen, etwa aus Belgien, Frankreich, den USA oder Mexiko, die häufig ein völlig anders Bild zeichnen als die oft sehr bewundernde und ehrfürchtige österreichische „Hofberichterstattung“. Da wird zum Beispiel deutlich, dass Maximilian an der Mitgift wohl mindestens so sehr interessiert war wie an der Braut. Oder dass es zahlreiche substantielle Warnungen davor gab, sich auf das mexikanische Abenteuer, auf den letztlich verhängnisvollen „Kaisertraum“ einzulassen, die aber das Ehrgeiz-getrieben Paar allesamt ignorierte. Von einer Täuschung, wie oft behauptet wird, konnte also keine Rede sein.
Roland Bettschart: Eine interessante Einsicht ist auch, dass bei Maximilian, entgegen einer gängigen Darstellung, nicht von einer durchgängigen, ausgeprägten Liberalität und Fortschrittlichkeit die Rede sein kann. Da ist vielmehr ein beständiges Schwanken zwischen einerseits liberalen und andererseits stark autoritären, reaktionären und auch rassistischen Positionen zu beobachten. Er war in jeder Hinsicht ein sehr sprunghafter Geist.
Charlotte und Maximilian werden häufig als tragisches Liebespaar wahrgenommen. Sie zeichnen ein deutlich widersprüchlicheres Bild ihrer Beziehung. Was hat Sie an den beiden als Paar am meisten überrascht?
Birgit Kofler: Tragisch sicherlich – aber das perfekte Liebenspaar, als das sie oft dargestellt werden, waren sie, wenn überhaupt, nur sehr kurz. Von Beginn an ergibt sich das Bild einer asymmetrischen Beziehung: Während sie verliebt schwärmt, hört man bei ihm sehr deutlich die Berechnung heraus. Das erotische Eheleben dürfte rasch zu Ende gewesen sein – wenn es je stattfand. Es gibt auch Gerüchte über Maximilians mögliche Homo- oder Bisexualität, und Hinweise auf eine schwere Geschlechtserkrankung, die sich auch psychisch ausgewirkt haben könnte.
Manche Legenden, wie uneheliche Kinder, Vergiftung, eine nur vorgetäuschte Hinrichtung, sind noch spannender als die historische Wirklichkeit. Gab es bei Ihren Recherchen einen Mythos, von dem Sie selbst gehofft haben, dass vielleicht doch etwas dran ist?
Roland Bettschart: Natürlich würde man dem romantischen Schöngeist und politischen Phantasten Maximilian wünschen, dass er von seinem Widersacher und angeblichen Freimaurer-Bruder Juárez letztlich verschont wurde, dass es nur eine Scheinhinrichtung war und dass er anschließend unter anderer Identität noch viele Jahre in El Salvador weiterleben konnte. Dieses Gerücht hält sich besonders hartnäckig, aber die Fakten stützen es leider nicht.
Die „Royals“ waren schon immer ein dankbarer Stoff für die Öffentlichkeit. Ihr Buch zeigt, wie das Schicksal von Charlotte und Maximilian bereits damals von Klatschpresse, Zeitzeugen und Trittbrettfahrern ausgeschlachtet wurde. Und auch das Prinzip „the heir and the spare“ erinnert an heutige Königshäuser. Haben sich die Mechanismen rund um Ruhm, Konkurrenz und öffentliche Inszenierung eigentlich weniger verändert, als man meinen könnte?
Roland Bettschart: Charlotte und Maximilian zählen zu den frühen Medienstars. Jeder ihrer Schritte wurde ausführlich berichtet, über alles wurde in den Zeitungen spekuliert. Und zahllose Zeitzeugen machten sich mit ihren Berichten wichtig und schmückten sich mit ihrer angeblichen oder tatsächlichen Nähe zu dem beiden. Das alles kennt man auch aus unserer Zeit, bloß inzwischen beschleunigt durch Social Media und ihre Auswüchse.
Birgit Kofler: Bruderzwist, Zickenkrieg, der sich benachteiligt fühlende Zweitgeborene, Schlammschlachten und Flucht nach Übersee: Das sind schon eine Menge verblüffender Parallelen zu heutigen Royals. Menschliche und familiäre Mechanismen verändern sich eben nicht so schnell – auch nicht in regierenden Häusern.
Sie schreiben viele Ihre Bücher gemeinsam. Wie funktioniert das praktisch: Recherchieren und schreiben beide alles oder gibt es eine klare Arbeitsteilung? Und was passiert, wenn Sie bei einer historischen Persönlichkeit oder der Interpretation einer Quelle völlig unterschiedlicher Meinung sind?
Birgit Kofler: Beim gemeinsamen Schreiben haben wir inzwischen eine jahrzehntelange Erfahrung und Routine – das hilft sehr. Natürlich gibt es eine Arbeitsteilung. Die Arbeit in den Archiven und Bibliotheken liegt mir ganz besonders und ich liebe es, auf bisher kaum oder gar nicht Bekanntes zu stoßen. Roland hat einen großartigen Blick dafür, aus diesen Bergen von Materialien die spannendsten, lesens- und wissenswertesten Geschichten herauszufiltern. Wenn wir einmal über eine Quelle oder Aussage unterschiedlicher Meinung sind, dann diskutieren wir das so lange aus, bis wir eine gemeinsame Sicht entwickeln können. Beim Schreiben selbst teilen wir uns Themenbereiche auf und redigieren die Texte dann wechselseitig.
Roland Bettschart, Sie leben neben Miramare und sind Nachfahre eines habsburgischen Vize-Statthalters in Triest. Wie viel Habsburg begegnet Ihnen eigentlich in Ihrem heutigen Triestiner Alltag?
Roland Bettschart: Nicht grundlos wird Triest gerne als das „kleine Wien am Meer“ bezeichnet. In der Architektur und in der traditionellen Triestiner Küche, in der zum Beispiel Zwetschgenknödel und Kaiserfleisch eine prominente Rolle spielen, wird die jahrhundertelange Zugehörigkeit zur Habsburger Monarchie bis heute sehr deutlich. Unter den Triestiner:innen sind diesbezüglich verschiedene Mentalitäten zu beobachten: Da gibt es einen ahistorischen Bevölkerungsteil, darunter viele jüngere, die dem Thema Habsburg gleichgültig gegenüberstehen. Es gibt glühende Habsburg-Nostalgiker. Und es gibt die Gruppe derer, die recht pragmatisch die vielfältigen Vorteile der Monarchie für Triest sehen, und damit hadern, dass der italienische Nationalstaat viele Nachteile brachte und der Hafen- und Handelsstadt ihren ursprünglichen Stellenwert genommen hat. Minderheiten wie die jüdische und die slowenische beklagen völlig zu Recht, dass sie in den späteren Phasen der Habsburger-Monarchie in Triest gut integriert waren, während sie im rasch faschistisch werdenden italienischen Nationalstaat unterdrückt, verfolgt und vielfach ermordet wurden.
Wir danken für das Gespräch!
