Buchautor Erich Kocina im Gespräch zu seinem neuen Buch »Wiener Öffi-Wörterbuch«, über die Kreativität der Wiener, die manchmal aus tiefem Bauch kommt und wie die einzelnen Linien zu ihren Nummern gekommen sind.
Herr Kocina, wie ist die Idee zum „Wiener Öffi-Wörterbuch“ entstanden?
Für meine wöchentliche „Sprachspalter“-Kolumne in der „Presse“ bin ich immer auf der Suche nach lustigen Wörtern. Ich bin dann in einem alten Buch auf den Tramwayschienenritzenkratzer gestoßen und habe dann nach weiteren Begriffen aus dem öffentlichen Verkehr gesucht. Und irgendwann waren es so viele, dass ich auf die Idee gekommen bin, ein Wörterbuch daraus zu machen. Gerade die Öffis sind ja ein Mikrokosmos, zu dem sich ein eigener Wortschatz entwickelt hat. Und da sind halt auch ein paar sehr witzige Begriffe dabei.
Was macht die Sprache der Wiener Öffis so besonders?
Die Wienerinnen und Wiener haben ein liebevolles Verhältnis zu ihren Öffis. Aber sie können auch grantig werden, wenn etwas nicht klappt. Und überall, wo man schimpft, kommt die Kreativität ganz tief aus dem Bauch – dann sagt man halt zur U6 auch einmal Gsindlwurm. Aber beim Positiven ist es ganz genauso, so wie man dem Partner einen Kosenamen gibt, kann man das zum Beispiel auch bei einer Straßenbahn machen, etwa den Gießkannenexpress für den 71er, der zum Zentralfriedhof fährt.
Haben Sie ein persönliches Lieblingswort aus dem Buch?
Ganz besonders mag ich das Angsthäuferl. Ein Straßenbahnfahrer kann bei einer starken Bremsung Sand auf die Schienen streuen und damit verhindern, dass die Räder auf dem Metall rutschen. Drückt er den Hebel auch noch, wenn die Straßenbahn schon steht, rieselt der Sand immer noch. Und das kleine Sandhäuferl zeigt halt, dass der Fahrer offenbar Angst bekommen hat.
Ist das Buch eher lexikalisch oder unterhaltsam-ironisch angelegt?
Es soll vor allem Spaß machen. Natürlich sind auch Begriffe drin, die aus der Technik kommen oder zum Beispiel beim Verstehen helfen, wie die einzelnen Linien zu ihren Nummern gekommen sind. Aber viele Begriffe sind einfach sprachlich lustig. Manche wird man vermutlich schon selbst gehört oder sogar verwendet haben, bei manchen wird es ein Aha-Erlebnis geben.
In Ihrem Buch finden sich auch viele Begriffe aus der Vergangenheit – welche Rolle spielt die Öffi-Geschichte im Wörterbuch?
Die Straßenbahn gibt es in Wien mittlerweile 160 Jahre, in dieser Zeit haben sich natürlich viele Begriffe angesammelt. Man erfährt da auch viel über die Geschichte der Stadt, wie etwa die Zweierlinie zu ihrem Namen gekommen ist. Und der Bus aus dem Fluss vom Einsturz der Reichsbrücke ist ja etwas, das sich tief ins visuelle Gedächtnis des ganzen Landes eingebrannt hat. Aber es sind auch viele Begriffe aus der jüngeren Vergangenheit dabei, vielleicht erinnert sich ja noch jemand an den Bierkavalier. Ich glaube, es ist für jede Altersgruppe etwas dabei.
An wen richtet sich das Buch – nur an Wiener:innen?
Überhaupt nicht. Das Buch kann für alle spannend sein, ob man nun in Wien lebt, auf Besuch ist oder sich auch einfach nur aus der Ferne mit der Stadt und ihrer Sprache beschäftigen möchte. Gerade in Deutschland hat das Wienerische ja auch einen Ruf als charmante und lustige Sprache. Ich kann mir gut vorstellen, dass man auch dort seinen Spaß mit den Begriffen aus dem Buch haben kann.
Wir danken für das Gespräch!
